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Helga König und Simone Langendörfer im Gespräch mit Wulfing von Rohr, dem deutsch-österreichischen Fernsehjournalisten, Astrologen, Sachbuchautor und Übersetzer.

Lieber Wulfing von Rohr, Sie sind deutsch-österreichischer Fernsehjournalist, Astrologe, Sachbuchautor und Übersetzer, außerdem  Organisator, Moderator und Seminarleiter für Kongresse und Konferenzen zum Kulturaustausch, zu Friedensthemen und Spiritualität. Es freut uns, dass Sie sich bereit erklärt haben, an unserem Interviewprojekt "Wann ist eine Kindheit kindgerecht?" teilzunehmen.

Helga König: Werden Kinder heute extrem auf Leistung "gedrillt" und falls ja, wodurch entsteht dieser Leistungsdruck?

 Wulfing von Rohr
Foto: www.siebinger.com (2015)
Wulfing von Rohr: Weiß ich nicht wirklich, aber es scheint mir, dass mit zunehmenden Anforderungen wie Zugangsprüfungen, Numerus Clausus, Markendruck um „dazu zu gehören“ usw. schon ein höherer Leistungsdruck besteht als in meiner Kindheit (ich bin Jahrgang 1948; 8. von neun Kindern einer Flüchtlingsfamilie). Wir haben noch eine recht gute Allgemeinbildung erfahren, ohne Fokus auf „nützliche“ Fähigkeiten.

Simone Langendörfer: Was heißt für Sie Kindsein und meinen Sie, dass „Kindsein“ in der 2. Hälfte des letzten Jahrhunderts einfacher war?

Wulfing von Rohr:  Kindsein bedeutet für mich, mich ausleben und erfahren zu können, spielerisch das Leben zu erkunden und mich selbst.  Auf jeden Fall war es (aus meiner Sicht) in den fünfziger und sechziger Jahren einfacher und vor allem schöner, Kind bzw. Jugendlicher zu sein. Auch wegen noch bestehender Zukunftsperspektiven und geringerer wirtschaftlicher Not. 

 Helga König
Helga König: Was müsste sich in den Schulen ändern, um Kinder wirklich glücklich zu machen?

Wulfing von Rohr: Mehr Freiräume zeitlicher und inhaltlicher Art. Weniger "Drill". Verbot von Handys, Zigaretten, Markenlogos … 


Simone Langendörfer: Welche Rolle spielen Eltern beim Thema "Doping für Kinder"?


Wulfing von Rohr: Das kann ich nicht beurteilen. 

Helga König: Weshalb sind so viele Kinder trotz materiell guter Bedingungen unglücklich?

Wulfing von Rohr: Weil das Herz nicht angesprochen ist, weil die Seele nicht ermuntert wird, sich zu entfalten. Weil sowohl die emotionale als auch die spirituelle Dimension des Lebens zu kurz kommen.

Simone Langendörfer: Sollten Eltern den Ärzten mehr misstrauen, wenn es um das Wohl ihrer Kinder geht?

Wulfing von Rohr
Foto: www.siebinger.com (2015) 
Wulfing von Rohr: "Misstrauen" – Nein! Aber darauf bestehen, Gespräche auf Augenhöhe zu führen und sich Zeit zu nehmen – Ja! Statt zu Ärzten auch mal zu Heilpraktikern gehen … Aktuelle Beispiele für Probleme: Ernährung und Impfen. Ärzte (ich weiß, dass dies recht pauschal klingt, aber ich habe noch nicht wahrgenommen, dass sich Ärzteverbände hier kollektiv geäußert hätten) haben noch viel zu wenig Wissen über gesunde Ernährung = wenig bis kein Fleisch und Wurst und Geflügel, wenig Fisch … möglichst regional und vielleicht sogar „bio“ … vegetarisch (es muss nicht gleich vegan sein!). Ärzte sollten die gesunde und naturnahe Ernährung viel mehr in den Mittelpunkt von Gesundheitsvorbeugung, -pflege und -heilung rücken. Und zu den Impfungen: Wenn Impfungen schützen, warum dürfen dann mancherorts "auf ärztlichen Rat" (lol) ungeimpfte Kinder nicht in die Kita? 

Helga König: Was denken und empfinden Sie, wenn sie ein depressives, ein verträumtes oder ein extrem aufgedrehtes Kind erleben?

Wulfing von Rohr: Depressives Kind: in den Arm nehmen, streicheln, singen; radfahren oder schwimmen oder über die Wiese laufen. Verträumtes Kind: wundervoll, lassen wie und wo es ist. "Aufgedrehtes" Kind (ich war selbst so): Möglichkeiten zur sportlichen Betätigung geben, für Bewegung an der frischen Luft sorgen – und es "aushalten", dass manche Kinder "aufgedreht" sind. (Daraus ein "Syndrom" zu machen, das mit Medikamenten behandelt werden müsste, ist eines der größeren Verbrechen von Ärzten an Kindern und von Schulbehörden … und leider auch von Eltern.) 

 Simone Langendörfer
Simone Langendörfer: Was könnten Eltern, Lehrer und die Politik tun, damit Kindern das Lernen wieder Freude bereitet?

Wulfing von Rohr:  Eltern: Mehr Zeit mit den Kindern verbringen. Lehrer: die sollten nun wirklich von Erziehungsaufgaben bis hin zu Disziplinarmaßnahmen entlastet werden. Dass Lehrer heute "in die Pflicht" genommen werden (sollen), um Elternaufgaben zu erfüllen, ist grotesk. Notfalls z.B. erst einmal mehr Sprachunterricht für Migrantenkinder einschließlich sozialfürsorgerischen und wertkulturellen Einordnungen für unsere westliche und letztlich auch noch christlich fundierte Gesellschaft. (Ich weiß, dass diese Bemerkung manchen nicht schmecken wird – sei´s drum. "Multikulti" funktioniert nicht, wie wir leidvoll haben erfahren müssen, wenn es nicht einen Grundkonsens über Grundwerte gibt.) Politik: Alle Kitas kostenfrei stellen (halt weniger Geld für Waffen und Bankenrettung); Lehrer/innen besser bezahlen; Schulen besser ausstatten; weniger starre Vorgaben für Lernziele …

Helga König: Gibt es in Deutschland eine "Armut an Liebe und Geborgenheit"?

 Wulfing von Rohr
Foto: www.siebinger.com (2015) 
Wulfing von Rohr: Weiß ich nicht wirklich. Allgemein empfinde ich es so, dass in südlichen Ländern mehr und häufiger Gefühle zum Ausdruck gebracht werden, in nördlichen Ländern weniger. Wie geborgen sich Kindern fühlen, wenn Fernseher, Computer und Smartphone das Spielen draußen, das Kuscheln mit Eltern und das Erforschen der Natur ersetzen, ist ja offensichtlich. 

Simone Langendörfer:  Warum sind gerade in Deutschland so viele Menschen unzufrieden und unglücklich?

Wulfing von Rohr: Anspruchskultur, mangelnde Eigeninitiative, „der“ Staat, „die“ Politik etc. sollen machen. Zu wenig Sonne, zu wenig Naturerleben.

Lieber Wulfing von Rohr, wir danken Ihnen herzlich  für  das aufschlussreiche Interview.

Ihre Helga König, Ihre Simone Langendörfer



Helga König und Simone Langendörfer im Gespräch mit Jörg F. Nowack, Lektor und Autor

Lieber Jörg F. Nowack, Sie haben Staatswissenschaften studiert und sind geprüfter Mediengestalter. Als Lektor und Autor arbeiten Sie in Rudolstadt in Thüringen.

Wir freuen uns, dass Sie sich dazu entschieden haben, an unserem Interview-Projekt "Wann ist eine Kindheit kindgerecht" teilzunehmen.

Helga König: Werden Kinder heute extrem auf Leistung "gedrillt" und falls ja, wodurch entsteht dieser Leistungsdruck?

 Jörg F.  Nowack
Jörg F. Nowack: Meines Empfindens nach werden Kinder heute viel zu zeitig viel zu sehr auf Leistung gedrillt. Das beginnt ja zum Teil bereits im Kindergarten bzw. im Kindergartenalter. Es gibt ja kaum noch ein Kind, das jeden Nachmittag seine Freizeit wirklich für sich hat. Fast jedes Kind hat täglich sogenannte »organisierte Freizeitaktivitäten« und Eltern, die diesen Zirkus nicht mitmachen, wird von der Gesellschaft das Gefühl vermittelt, sie seien schlechtere Eltern als die anderen. Dieser Druck entsteht, weil jeder denkt, sein Kind müsse den anderen gegenüber einen Vorsprung haben, um im Leben bestehen zu können. Dabei ist gerade das Gegenteil der Fall. Kinder müssen sich tagtäglich ausprobieren dürfen und das geht nun mal am besten beim Spielen. Bis zum Alter von 12 Jahren können Kinder leichter lernen als danach. Doch übertreiben sollte man das Ganze nicht. Es ist eine ganz andere Situation, wenn ein Kind beispielsweise multilingual aufwächst, weil Eltern und Großeltern in anderen Sprachen reden. Kindergärten sollten sich wieder mehr auf Friedrich Fröbel, den Vater des Kindergartens, besinnen und nach seinen Vorschlägen handeln. Wenn sie dies auch noch den gestressten Eltern beizubringen verstünden, würde deren Stress sicher geringer und einige Kinder mehr hätten möglicherweise die Chance, wieder Kind sein zu dürfen.

 Simone Langendörfer
Simone Langendörfer:  Was heißt für Sie Kindsein und meinen Sie, dass "Kindsein" in der 2. Hälfte des letzten Jahrhunderts einfacher war?

Jörg F. Nowack: Kindsein heißt für mich, Erfahrungen sammeln zu dürfen. Ohne Grenzen und ohne Konsequenzen Dinge ausprobieren, viele verschiedene Versuche starten zu dürfen, ohne gleich beim ersten Versuch zum Erfolg verdammt zu sein. Kindsein war in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts im Grunde auch nicht einfacher als heute. Kindsein ist immer schwer. Allerdings durfte man sich in meiner Kinderzeit noch mehr ausprobieren, als das heute möglich ist. Wir bzw. unsere Eltern wurden nicht wegen einer aus Versehen zerbrochenen Fensterscheibe gleich vor den Kadi gezerrt oder wegen unbefugten Betretens des eigenen(!) Schulgeländes in der Freizeit angezeigt. Insofern war Kindsein damals für alle Beteiligten irgendwie schon einfacher. Doch woran liegt es, dass fast jeder jeden klitzekleinen Fehler seines Nachbarn geahndet wissen möchte? Diese Frage muss jeder Einzelne für sich beantworten.

 Helga König
Helga König: Was müsste sich in den Schulen ändern, um Kinder wirklich glücklich zu machen?

Jörg F. Nowack: Jedes Kind lernt gern. Leider beobachte ich aber immer wieder, wie die Schule den Kindern superschnell und supergründlich jegliche Freude am Lernen nimmt. Weshalb das so ist, vermag ich nicht zu sagen. Ich kann nur feststellen, dass es so ist. Schule muss wieder mehr Freude machen dürfen. Wir brauchen motivierte und engagierte Lehrer, die den Unterricht spannend und interessant gestalten, damit Lernen zur reinen Freude wird. Ich selbst hatte Lehrer, die ich gern »Schülerflüsterer« nenne. Sie verstanden es, uns von ihrem Unterrichtsstoff so zu begeistern, dass ich sogar heute noch sehr viele Dinge aus meiner Schulzeit weiß. Ich sehe die Situation im Klassenraum vor meinem inneren Auge, als wenn es erst gestern gewesen wäre. – Wenn ich meine mittlerweile erwachsenen Kinder frage, woran sie sich erinnern, ernte ich nur Schulterzucken. Kein einziges Lernerlebnis ist in ihrer Schulbiographie haften geblieben. Begeisterung war bei ihnen wohl fehl am Platz. Liegt es vielleicht daran, dass die Schule nicht in der Lage war, ein solches Lernerlebnis zu organisieren? Wenn die Schule zu meiner Zeit einen Schuldigen für das Versagen suchte, wurde vorbehaltlos überall gesucht. Seit Jahren verstärkt sich bei mir der Eindruck, dass heute die Schuld nur noch auf Seite der Schüler (und der Eltern) gesucht wird. 

Das System und alle seine Bestandteile scheinen unantastbar zu sein und dürfen absolut nicht hinterfragt werden. Aber die Frage, weshalb es selbst komplizierte Computerspiele schaffen, viele Kinder stundenlang zu begeistern, die Schule aber nicht, muss doch gestattet sein! Schule muss den Kindern vor allem das beibringen, was sie später im Leben brauchen. Und vor allem die Grundlagen wie das Schreiben- und Lesenlernen sind wichtig. Es gibt nicht umsonst das Sprichwort: »Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr.« Genau die vorhin angesprochene Begeisterung versuche ich mit meinen Büchern, wie dem jüngst im Verlag Biber & Butzemann erschienenen zu erreichen. »Schatzsuche zwischen Saale und Unstrut – Lilly, Nikolas und die Himmelscheibe von Nebra« ist altersgerecht, spannend, aber auch anspruchsvoll geschrieben. Denn nur wenn wir uns mit niveauvollen Texten beschäftigen, können wir unser eigene Niveau anheben, können an den Texten wachsen. Das war dereinst mir selbst vergönnt und ich möchte dieses Wachstum vielen jungen Menschen ermöglichen. 

Simone Langendörfer: Welche Rolle spielen Eltern beim Thema "Doping für Kinder"? 

 Jörg F. Nowack
Jörg F. Nowack: Was ist richtig und gut, was ist falsch und schlecht für mein Kind? – Das sind die Fragen, vor denen Eltern immer mehr stehen und immer mehr alleingelassen werden. Impfen oder nicht impfen? Auf welchen Rat, welche Empfehlung höre ich, um meinem Kind nicht zu schaden, ihm möglichst nur Gutes zu tun? – Eltern stehen vor diesem Fragenberg, ohne auch nur die geringste Aussicht auf eine unabhängige Beratung zu haben. Wendet man sich vertrauensvoll an den (Kinder-)Arzt, sollte man eine unabhängige und nicht von finanziellen Überlegungen beeinflusste Beratung erwarten können. – Doch was ist die Realität? – Jeder Arzt muss möglichst viele IGEL-Leistungen verkaufen, denn das wird von ihm verlangt. Davon klingelt die Kasse, nicht von der Behandlung kleiner Wehwehchen. Und wenn nun die Vertrauensperson Arzt mir rät, dass ich meinem Kind Medikamente zur Leistungssteigerung verabreichen soll, weil es ihm dann besser geht. Glaube ich ihm dann nicht automatisch, weil ich nur das Beste für mein Kind will?! Insofern ist die Schuldfrage meines Erachtens nach eindeutig geklärt. Es sind nicht die Eltern zu verurteilen, die im Zweifel immer nur das Beste für ihr Kind wollen. Auch diese Schuld ist ganz anderswo zu suchen. 

 Helga König
Helga König: Weshalb sind so viele Kinder trotz materiell guter Bedingungen unglücklich? 

Jörg Nowack: Meiner Meinung nach geht es gar nicht so vielen Kindern materiell so gut, wie immer wieder behauptet wird. Und auch durch fortwährende Wiederholung wird an dieser Aussage nichts wahrer. Wie kann es Familien (und damit auch den Kindern) auch materiell gut gehen, wenn der Lohn beider(!) Eltern kaum reicht, um die Lebenshaltungskosten zu decken? Ja, ein Urlaub im Jahr ist bei vielen drin, aber dafür wird oft an anderen Stellen – und leider zu oft an der Bildung der Kinder – gespart. Beispielsweise wird von vielen Familien zu oft an guter Literatur gespart. Aber gerade die wäre für eine positive Entwicklung der Sprösslinge oft viel notwendiger und auch förderlicher als manche andere Anschaffung. Wie oft habe ich an der Kasse einer Buchhandlung schon Eltern gesehen, die gleich mehrere Film-CDs kauften, damit die Familie ein schönes und gemütliches Wochenende verbringen konnte. – Bei schönem Wetter, wohlbemerkt! 

Stimmt, das waren keine ›armen‹ Familien, aber ich finde es schon bedenklich, wenn die Beschäftigung in der Familie ausschließlich aus Videospielen und Videos sowie Internet- und Handyspielen besteht. – Gegen all diese Medien ist grundsätzlich nichts einzuwenden, aber wenn der Tag nur daraus besteht, können Kinder doch gar nicht glücklich sein. – Was Kinder brauchen, ist Zeit mit ihren Eltern, Geschwistern Großeltern und Freunden! Wie sollen die Kinder von heute sich von anderen etwas abgucken, wenn sie gar keine Gelegenheit dazu haben? – Vom Rausgehen und Abenteuererleben wie noch zu meiner Kinderzeit ganz zu schweigen! Wenn wir abends vom Spielen heimkamen, sind wir meistens ins Bett gefallen, so müde waren wir vom Herumtoben. – Heute haben manche Kinder gar Schlafstörungen, weil sie nicht genügend rauskommen! – Da ist es doch wahrhaftig nur noch ein kleiner Schritt zu einer Missstimmung, die auch ganz leicht zu einer kindlichen Depression werden kann. Es ist gemeinsame Zeit, gemeinsames Erleben und unbeaufsichtigtes Herumtoben, was vielen Kindern abgeht. Daran ändern auch gute materielle Bedingungen nichts. – Wenn sie denn wahrhaftig vorhanden sein sollten. 

 Simone Langendörfer
Simone Langendörfer:  Sollten Eltern den Ärzten mehr misstrauen, wenn es um das Wohl ihrer Kinder geht? 

Jörg F. Nowack: Hier geht es wohl eher um Vertrauen und Vertrauensmissbrauch. Alle Eltern sollten grundsätzlich Vertrauen zu ihrem (Kinder-)Arzt haben dürfen. – Doch woher oder wodurch erfahren junge Eltern schon, wenn ihr Vertrauen potenziell in Gefahr ist, missbraucht zu werden? Ein öffentlicher Pranger für schwarze Schafe ist wohl auch nicht die richtige Lösung. – Leider sind Ärzte in der heutigen Zeit auch Geschäftsleute, die sich, ihre Praxis und ihre Angestellten und sicher noch vieles Weitere bezahlen müssen. Doch das darf doch unter keinen Umständen dazu führen, dass Ärzte Medikamente grundlos verschreiben oder gleich zum teuersten Medikament greifen, das auf dem Markt ist. Doch wer hat schon die Zeit, sich eine Zweitmeinung einzuholen, wenn es nicht gerade um lebensgefährliche Erkrankungen geht? 

Misstrauen ist meiner Meinung nach nicht der richtige Weg. Aber entgegengebrachtes Vertrauen ist ebenso vertrauenswürdig zu behandeln. Ich würde allen Eltern raten, nicht zu zögern, den Arzt zu wechseln, wenn sie den begründeten Verdacht hegen, dass ihr Vertrauen ärztlicherseits missbraucht wurde. 

 Jörg F.  Nowack
Helga  König: Was denken und empfinden Sie, wenn sie ein depressives, ein verträumtes oder ein extrem aufgedrehtes Kind erleben?

Jörg F. Nowack: Jedes Kind ist anders, aber jedes Kind ist richtig, so, wie es ist. Das sollte immer der Grundsatz sein. Ich zum Beispiel war oft verträumt – weil ich eine ausgeprägte Phantasie habe. Ich war oft in mich gekehrt – weil ich mit meiner Phantasie in fremden Welten bin. Ich bin oft und lange in Büchern abgetaucht, die mir phantastische neue Welten zeigten – heute erschaffe ich selbst solche Welten. Das alles war und bin ich. Doch ich war niemals depressiv, nicht krank, bin nicht bewegungsarm aufgewachsen, denn ich war oft in Wald und Flur unterwegs oder im Schrebergarten. Jedes Kind ist anders, aber jedes Kind ist richtig, so, wie es ist. Wir sollten jedes Kind mit seiner eigenen Persönlichkeit annehmen und nicht versuchen, jedes Kind in eine Schablone zu pressen. Das ist noch niemals gelungen und wird niemals gelingen. Doch wenn das versucht wird, kommen leistungsschwache, auffällige und irgendwann auch jede Menge kranke Kinder heraus. – Wehret den Anfängen! Noch können wir alle gemeinsam das Ruder herumreißen. 

Simone Langendörfer
Simone Langendörfer: Was könnten Eltern, Lehrer und die Politik tun, damit Kindern das Lernen wieder Freude bereitet? 

Jörg F. Nowack: Schule muss vor allem wieder interessant werden und den Schülern – wie auch den Lehrern – wieder Freude bereiten! In jeder Schule muss es darum gehen, die Grundlagen zu vermitteln, die man wirklich im Leben benötigt. Und anschließend sollte es darum gehen, jeden Schüler auf hohem Niveau möglichst breitgefächert zu bilden und entsprechend seiner Stärken individuell zu fördern. Dann kann Schule allen Beteiligten Freude machen – von Spaß möchte ich hier ganz bewusst nicht reden, denn wir sehen ja momentan, wohin uns die Spaßgesellschaft gebracht hat. Die Eltern müssen die Forderungen danach laut und deutlich zum Ausdruck bringen. Mittel dazu gibt es genügend. Die Politik schließlich ist dann aufgefordert, genau diese (nicht irgendwelche andere) Forderungen schnellstens umsetzen. Zum Wohl der Schüler, der Lehrer und letztlich der gesamten Gesellschaft. Und wenn die Freude auch bis hinein in die Universitäten wieder Einzug hält, dann ist es möglich, dass bald wieder mehr Nobelpreisträger in Deutschland wohnen und nicht nur hier geboren wurden, wie es im Augenblick leider ist. 

 Helga König
Helga König: Gibt es in Deutschland eine "Armut an Liebe und Geborgenheit"? 

Jörg F. Nowack: Das vermag ich objektiv nicht zu beurteilen. Mein persönlicher Eindruck ist allerdings ein ganz anderer. Doch das kann dadurch bedingt sein, dass ich mich schon seit Jahren ausschließlich mit Menschen umgebe, die mir guttun. Diesem Beispiel sollten möglichst viele Menschen folgen, dann würden Liebe und Geborgenheit in der Gesellschaft noch weitaus mehr in Erscheinung treten können. 

Simone Langendörfer: Warum sind gerade in Deutschland so viele Menschen unzufrieden und unglücklich? 

Jörg F. Nowack: Das ist einerseits sicher mentalitätsbedingt, andererseits wird jedem Einzelnen durch die Medien tagtäglich vermittelt, dass sie bzw. er gar nicht zufrieden sein KANN. – Gerade die Rolle der Massenmedien ist bei dieser Problematik kräftig zu hinterfragen. Doch dafür bin ich nicht informiert genug. Ich sehe seit vielen Jahren nur sehr wenig fern, lese keine Zeitung mehr – und doch finden für mich wichtige Informationen sehr schnell ihren Weg zu mir. 

Lieber Jörg F.  Nowack, wird danken Ihnen für das aufschlussreiche Interview.

Ihre Simone Langendörfer, Ihre Helga König 

Simone Langendörfer und Helga König im Gespräch mit der Künstlerin Doris Zeidlewitz

Liebe Doris Zeidlewitz, Sie haben an der Kunstakademie Städel in Frankfurt und an der Hochschule für Gestaltung in Offenbach studiert und  verfügen über einen Diplom-Abschluss. Als Künstlerin leben und arbeiten Sie in Ihrem Atelier auf Wasserbiblos in der Nähe von Darmstadt.

Wir freuen uns, dass  Sie am Interviewprojekt  "Wann ist eine Kindheit kindgerecht?" teilnehmen.

Simone Langendörfer: Werden Kinder heute extrem auf Leistung "gedrillt" und falls ja, wodurch entsteht dieser Leistungsdruck?

 Doris Zeidlewitz
Doris Zeidlewitz: Im Menschen kreist der Irrglaube, dass er nur etwas sei, wenn er im Außen etwas vorzuweisen hat. „Hast Du was,dann bist Du was“,- der Slogan einer karrieregeilen und habsüchtigen Gesellschaft, der es ununterbrochen nach Wohlgefühl, Lust und Unterhaltung verlangt Dabei geht es in erster Linie um das Wachstum von Macht und Geld und nicht um persönliches Wachstum wie Bewußtsein und Erkenntnis.Der Mensch sieht ein erstrebenswertes Ziel darin, stärker zu sein, besser zu sein, erfolgreicher zu sein, mächtiger zu sein als alle anderen um ihn herum. Kinder lernen das von Anbeginn und darauf werden sie gedrillt. Meiner Meinung geht es aber in erster Linie darum, beim Menschen Bewußtsein zu erwecken und vor allen Dingen bei denjenigen Menschen, die keines haben. 

 Helga König
Helga König:  Was heißt für Sie Kindsein und meinen Sie, dass "Kindsein" in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts einfacher war?

Doris Zeidlewitz: Die Familie ist das stärkste Gefüge menschlicher Zugehörigkeit. Dort erproben wir unser Wesen, dort werden wir genährt um wachsen zu können. Hier kann das Kind träumen und phantasieren, Freude und Selbstvergessenheit erleben, den Wundern und dem Zauber der Welt begegnen. Wenn es Eltern gelingt aus dem eigenen Sein heraus das Kind bedingungslos zu lieben mit all seinen Facetten, Eigenheiten, Besonderheiten, Schwierigkeiten, dann darf auch das Kind – Sein.

Simone Langendörfer
Simone Langendörfer: Was müsste sich in den Schulen ändern, um Kinder wirklich glücklich zu machen?

Doris Zeidlewitz: Lehrer und Eltern hoffen zunächst einmal auf möglichst wenig Ärger und Stress Zuhause und in der Schule.Wenn Kinder nicht "funktionieren" im Sinne der Erwachsenen wird zu negativen Verstärkern gegriffen, wie das Aussprechen von Drohungen und Bestrafung, der Entzug von Zuwendung und Liebe. Meist ist das, was das Kind, der Jugendliche kann, nicht viel wert, sondern das Augenmerk wird gerichtet auf das, was nicht gekonnt wird und wo versagt wurde. Erzieher (Eltern und auch Lehrer) sind in Problemsituationen meist überfordert und auch wenig kreativ. Ich wünsche mir, dass es der Schule gelingt, menschliche Sinne und Fähigkeiten zu beflügeln und dadurch eine Atmosphäre zu bieten, in der Lernen, Forschen, der Austausch untereinander, das Pflegen von Sozialkontakten eine ganzheitliche Kreativität freisetzt. Damit sich etwas ändern kann, braucht es dringend ein neues Bewusstsein und eine Institution Schule wird sich dann verändern, wenn sich Menschen, die in dieser Institution leben und arbeiten in ihrem Denken und Handeln ändern. Das ist ein gewaltiger Prozess und setzt enorme Kenntnis und Erkenntnis voraus. Bei dieser Bewusstseinserweiterung ist meiner Meinung die Integration des Schattens ein zentrales Thema, das Wissen um Polarität und Projektion. 

Helga König: Welche Rolle spielen Eltern beim Thema "Doping für Kinder"?

Doris Zeidlewitz
Doris Zeidlewitz: Viele Menschen sind heute von der Natur, von sich selbst getrennt und dieses Getrenntsein führt u.a. schnell zum Missbrauch von Drogen und Medikamenten aller Art. Kinder werden durch die Gabe von Medikamenten (Doping) fremdbestimmt. Sie können dann leichter geführt werde, passen sich leichter an und sind letztendlich bequemer. Das ist dann ganz im Sinne vieler unbewusster Eltern und Mediziner. Auch die Pharmaindustrie gibt hier ihr Bestes, nutzt die Problematik schamlos aus ohne Rücksicht auf Verluste. Die Opfer sind unsere Kinder,- zu lahme Kinder werden aufgehellt, zu aufgeweckte werden lahmgelegt. Für jeden Fall gibt es das richtige Mittel. Infragestellung der Pharmaindustrie, die Diskussion über das zu schnelle Verordnen von Medikamenten/ Psychopharmaka bei Kindern und Jugendlichen seitens der Schulmedizin halte ich für brisant und enorm wichtig. 

Simone Langendörfer
Simone Langendörfer: Weshalb sind so viele Kinder trotz materiell guter Bedingungen unglücklich?


Doris Zeidlewitz: Im Herrn der Ringe heißt es "Es gibt kein Licht, das die Dunkelheit je vertreiben könnte." Das teuerste Spielzeug, der Porsche zum bestandenen Abitur zeigen nur die eine Seite,die zunächst für das Kind, den Jugendlichen im Licht liegen mag.  Im Schatten liegt der Teil, der nicht gesehen werden will, wie z.B. die Sehnsucht nach wirklichem Angenommensein, das Fehlen von wirklichem Zuhören in einer Gesellschaft, die sich für nichts mehr wirklich Zeit nimmt. Ich denke, dass sich das Gefühl von Glück dann einstellen kann, wenn es uns gelingt alle Facetten in uns und im Anderen kennenzulernen und anzunehmen, wenn wir wirkliche Wertschätzung, wahres Mitgefühl zum Ausdruck bringen können und nährend für uns selber und für den Nächsten sind. 

 Helga König
Helga König:  Sollten Eltern den Ärzten mehr misstrauen, wenn es um das Wohl ihrer Kinder geht?


Doris Zeidlewitz: Die Antwort von Mathieu Carriere auf diese Frage hat mich beschäftigt. Menschen, die in der Öffentlichkeit stehen, haben oft Vorbildfunktion und Menschen glauben, was da geäußert wird. Ich halte die Autoritätsgläubigkeit von Mathieu Carriere der Schulmedizin gegenüber als sehr fragwürdig und bedenkenswert. Ich finde es im Gegenteil enorm wichtig,dass das Bild vom "Gott in Weiß" endlich aufgelöst wird und den Menschen geholfen wird zu lernen, dass jeder Arzt Partner ist, den ich hinterfragen darf und dem ich vor allen Dingen Fragen stellen kann und darf. Zudem ist es doch so offensichtlich, dass die Schulmedizin den Menschen in seiner Einheit als Körper, Geist und Seele aus ihren Augen verloren hat. Ich halte die Schulmedizin, die zudem die Pharmaindustrie aufs Kräftigste nährt und immer fetter füttert, als unreflektiert und in vielen Bereichen als krank. Vertrauen ist manchmal gut und wichtig, aber blindes Vertrauen ebenso gefährlich Wir sind auch hier aufgefordert mitzudenken, umzudenken und Verantwortung für uns und unsere Kinder zu übernehmen. Das verordnete Medikament ist schnell verabreicht, damit alles wieder reibungslos laufen kann. 

Rüdiger Dahlke, Arzt und Psychotherapeut, sagt u.a.: "Kinderkrankheiten z.B. sind sehr wichtig, dass das Kind sie durchlebt,weil sie Reifungsprozesse ermöglichen und das Immunsystem für den lebenslangen Kampf mit einer Welt voller aggressiver Erreger trainieren." Rüdiger Dahlke spricht von Reifungskrisen, die die Schulmedizin zu verhindern weiß. Auch hier bedarf es einer enormen Aufklärungsarbeit um zu einem neuen Bewusstsein zu gelangen. 

Simone Langendörfer: Was denken und empfinden Sie, wenn sie ein depressives, ein verträumtes oder ein extrem aufgedrehtes Kind erleben? 

 Doris Zeidlewitz
Doris Zeidlewitz: Dass alles sein darf. Es geht um Anerkennung, Bestätigung und bedingungslose Liebe. Das Kind anzunehmen in seinem Zorn, seiner Trauer, seinem Schmerz,seinem Verträumtsein. "Ich liebe Dich, weil Du b ist, wie Du bist und Du bist einfach wunderbar-" Diese Form von Zuwendung, Achtsamkeit und Respekt wird in vielen Familien häufig ersetzt durch die etablierten Drogen Fernseher/Computer/Videospiele ,- Mülleimer für Kinder und auch Jugendliche, die der traumatisierenden Gewalt in aufdringlichen sexuellen Darstellungen, Brutalität, Krieg und Folter ausgesetzt werden. 

Helga König: Was könnten Eltern, Lehrer und die Politik tun, damit Kindern das Lernen wieder Freude bereitet? 

 Saphir im Universum
Doris Zeidlewitz
Doris Zeidlewitz: Schule sollte sein wie ein blühender Garten im Sommer, wie ein buntes Zirkuszelt in all seinen Ausformungen. Vielleicht braucht es in der Schule auch einfach zusätzlich nur spirituelle Lehrer und Künstler, Menschen, die darum wissen, was es heißt, eins zu sein mit allem was ist, Menschen, die um die Kraft unserer Kreativität wissen,  um zu einem freiheitlich selbstbestimmten Menschen heranzuwachsen.Schule sollte dafür da sein, Bewusstsein zu entwickeln, Kreativität zu fördern.  In den Schulen sollten Kinder früh lernen, dass Verstand und Gefühl frei geäußert werden dürfen. Wir geben unser wahres Kindsein oft schon sehr früh auf für eine an Effizienz orientierte Erziehung. Kindern wird verboten zu träumen, zu phantasieren, wild und unbändig zu sein. Sie dürfen nie faul sein, niemals hinterhältig, sondern immer fleißig und fair. Dabei lernen Kinder nicht zu wählen, nämlich dass sie fleißig oder faul sein können und dürfen und dass sie für das Ergebnis die Verantwortung tragen. Kinder dürfen möglichst auch keine Träumer sein, und das Ergebnis sind dann phantasielose Erwachsene ohne ein Wissen um das Potential der eigenen Kreativität. Es wäre auch erstrebenswert, wenn wir alle, Eltern, Lehrer,Politiker noch einmal selber in die  "Schule des Lebens" gehen, um Eigen-und Nächstenliebe zu lernen und vor allen Dingen lernen, Schattenthemen zu integrieren und Projektionen aufzulösen. 

Simone Langendörfer: Gibt es in Deutschland eine "Armut an Liebe und Geborgenheit" und warum sind gerade in Deutschland so viele Menschen unzufrieden und unglücklich? 

 Doris Zeidlewitz
Doris Zeidlewitz:  Es ist doch eine Tatsache, dass sich in jedem Teil der Welt kulturelle, soziale, ökonomische, politische Probleme akkumuliert haben. Die Gesellschaft zeigt in allen Teilen der Welt ernstzunehmende und wahrhaft krankhafte Symptome. Daher geht es nicht um Deutschland explizit, sondern um unsere Welt. Insgesamt müssen wir bemüht sein, eine friedlichere, gesündere und nachhaltigere Welt zu erschaffen und somit einen glücklicheren Menschen, der in dieser Welt lebt und sie zu heilen weiß. Die Träger eines Wandels in jedem Bereich und auf allen Ebenen, ob Familie, Schule, Beruf, Politik sind wir alle, ist jeder Einzelne von uns.

Liebe Doris Zeidlewitz, wir danken Ihnen sehr für dieses aufschlussreiche  Interview.

Ihre Simone Langendörfer, Ihre Helga König

Fragen zur Kunst- Interviewseite der Künstlerin Doris Zeidlewitz u. der Journalistin Helga König:http://kunst-kuenstler-galerien-museen.blogspot.de/

Helga König und Simone Langendörfer im Gespräch mit Mathieu Carrière, deutscher Schauspieler und Autor

Lieber Mathieu Carrière, Sie haben Philosophie  in Paris  studiert und sind  ein renommierter Schauspieler und Autor.

Am 21. Juni 2002 haben Sie die Ritterwürde der französischen Ehrenlegion für Ihre künstlerischen Verdienste erhalten. 

Sie sind Kämpfer für eine umfassende Reform des deutschen Kindschaftsrechtes.

Wir  freuen uns, dass Sie an dem Interviewprojekt "Wann  ist eine Kindheit kindgerecht?" teilnehmen.

Helga König:  Werden Kinder heute extrem auf Leistung  "gedrillt" und falls ja, wodurch entsteht dieser Leistungsdruck?

Mathieu Carrière
Foto: Peter Hönnemann
mail@peter-hoennemann.de
Mathieu Carrière: Kinder werden heute sehr viel weniger "gedrillt" als noch vor 10 Jahren. Leistungsdruck entsteht durch Erwartungen oder Indifferenz der Eltern. 

Simone Langendörfer: Was heißt für Sie Kindsein und meinen Sie, dass "Kindsein" in der 2. Hälfte des letzten Jahrhunderts einfacher war? 

Mathieu Carrière: Kindsein heißt Spiel, Neugier, Vertrauen. Nein, es war früher schwieriger Kind zu sein. 

Helga König
Helga König: Was müsste sich in den Schulen ändern, um Kinder wirklich glücklich zu machen?

Mathieu Carrière: Schule kann und soll Kinder nicht glücklich machen. Aber lernen kann man nur wenn‘s Spaß macht und von Lehrern, die man mag. Also sollten Lehrer mehr auf ihre Beziehung zu den Schülern achten, als auf den Lehrplan. Zensuren abschaffen, Teamwork fördern. 

Simone Langendörfer: Welche Rolle spielen Eltern beim Thema "Doping für Kinder"? 

Mathieu Carrière: Überhaupt keine. In der Latenz sind Eltern nicht mehr so wichtig. 

Helga König: Weshalb sind so viele Kinder trotz materiell guter Bedingungen unglücklich? 

Mathieu Carrière: Das Innenleben und Selbstwertgefühl von Kindern hat nichts mit Geld zu tun, sondern wird hauptsächlich bestimmt durch die Qualität (bzw Ambivalenz) der frühkindlichen Bindungserfahrungen.

Simone Langendörfer: Sollten Eltern den Ärzten mehr misstrauen, wenn es um das Wohl ihrer Kinder geht? 

 Mathieu Carrière
 Foto: Peter Hönnemann
Mathieu Carrière: Auf keinen Fall! Ärzte wissen mehr über das Kindeswohl als die Eltern. Misstrauen gegenüber der Schulmedizin kann zu schwersten Persönlichkeitsstörungen führen. 

Helga König: Was denken und empfinden Sie, wenn sie ein depressives, ein verträumtes oder ein extrem aufgedrehtes Kind erleben?

Mathieu Carrière: 
1. Depressives Kind:: Ich würde es mal fragen, wie es ihm geht, und warum es ihm so geht. Ihm zuhören. 
2. Verträumtes Kind: Mit ihm in den Zoo gehen. 
3. Extrem aufgedrehtes Kind: Mit ihm und anderen Kindern ein Theaterstück entwickeln und aufführen. 

Simone Langendörfer
Simone Langendörfer: Was könnten Eltern, Lehrer und die Politik tun, damit Kindern das Lernen wieder Freude bereitet? 

Mathieu Carrière: 
Eltern: Ihnen zuhören, ihre Interessen tolerieren und fördern. 
Lehrer: Sie durch mehr Zuwendung und persönlichen Einsatz zum gemeinsamen Arbeiten motivieren. Loben statt tadeln. 

Helga König: Gibt es in Deutschland eine "Armut an Liebe und Geborgenheit"? 

Mathieu Carrière: Keine Ahnung. 

Simone Langendörfer: Warum sind gerade in Deutschland so viele Menschen unzufrieden und unglücklich? 

Mathieu Carrière: Ist das so?

Lieber Mathieu Carrière, wir danken Ihnen herzlich für das aufschlussreiche Interview.

Ihre Helga König, Ihre Simone Langendörfer.

Simone Langendörfer und Helga König im Gespräch mit Susanne Oswald, Autorin vieler Bücher, auch von Kinder- und Jugendbüchern

Liebe Susanne Oswald, Sie sind Autorin von Romanen, Krimis, Sachbüchern sowie Kinder- und Jugendbüchern. Auf  "Buch, Kultur und Lifestyle" wurde u.a. Ihr Buch "Ein Garten  für die Seele" vorgestellt. Dazu auch haben Sie ein Interview gegeben.

Wir freuen uns, dass Sie  am Interview-Projekt "Wann ist eine Kindheit kindgerecht?" teilnehmen.

Simone Langendörfer:  Werden Kinder heute extrem auf Leistung "gedrillt" und falls ja, wodurch entsteht dieser Leistungsdruck?

 Susanne Oswald
Susanne Oswald: Ich bin mir nicht sicher, ob das heute wirklich schlimmer ist als früher, es ist aber ganz sicher anders. Früher mussten Kinder früh mitarbeiten, auf ihre Geschwister aufpassen oder den Haushalt organisieren, sie durften körperlich gezüchtigt werden und wurden oft früh von der Schule genommen, weil die Arbeitskraft wichtiger war als Lernen. Kinderarbeit war normal. Da hat sich vieles geändert, einiges gebessert. Doch leider hat sich der Druck zum Teil auch nur verschoben. Heute sollen Kinder ihren Fokus auf Schule und dortige Leistung legen – was grundsätzlich gut ist. Leider wird das oft so übertrieben, dass es doch wieder in Kinderarbeit ausartet und der Kindheit zu wenig Zeit und Aufmerksamkeit bleibt. Hier sind die Eltern gefragt, die den Menschen fördern und nicht immer nur Leistungen fordern sollten. 

 Helga König
Helga König: Was heißt für Sie Kindsein und meinen Sie, dass "Kindsein" in der 2. Hälfte des letzten Jahrhunderts einfacher war?

Susanne Oswald:  Ich glaube, man macht es sich zu einfach, wenn man sagt: Früher was es besser. Jede Zeit hat ihre Probleme und jede Kindheit hat ihre guten und schlechten Zeiten. Natürlich läuft heute einiges schief und wir machen viel zu oft aus unseren Kindern kleine Erwachsene – oder versuchen es zumindest. Aber auf der anderen Seite sind wir für viele Themen sensibilisiert und haben viele katastrophale Umstände abgestellt. Wenn ich zum Beispiel an die Generation der misshandelten und missbrauchten Heimkinder denke, auch wenn es keine Garantie gibt, dass solche Dinge sich nicht wiederholen, heute gibt es zumindest Kontrollen und ein Bewusstsein für Kindeswohl – das aber immer weiter ausgebaut werden sollte. Nach meiner Erfahrung gibt es noch viel zu tun und wir müssen uns unbedingt weiter um die Sensibilisierung kümmern, aber viele von uns sind in die richtige Richtung unterwegs. Und es werden immer mehr. 

Simone Langendörfer: Was müsste sich in den Schulen ändern, um Kinder wirklich glücklich zu machen? 

Susanne Oswald:  Der Fokus sollte mehr auf die individuellen Fähigkeiten gelegt werden, Kinder sollten bestärkt und unterstützt werden. Zum Teil wird das schon gemacht, aber dieses strikte Leistungsdenken, wie es an unseren Schulen gelebt wird, steht der Entwicklung oft im Weg. Ich glaube, da könnte ein Blick und ein Beispiel nehmen über die Landesgrenzen Richtung Norden uns gut tun. 

Helga König: Welche Rolle spielen Eltern beim Thema "Doping für Kinder"? 

Susanne Oswald: Es ist bequem, schwierigen Situationen mit Pillen zu begegnen und es wird von der Gesellschaft geradezu erwartet. Eltern geraten sehr schnell unter Druck. Aber natürlich ist es ihnen nicht bewusst, was sie ihren Kindern damit antun. Das wird auch viel zu sehr runtergespielt. Es ist wichtig, dass hier ein gesellschaftliches Umdenken stattfindet. 

 Simone Langendörfer
Simone Langendörfer: Weshalb sind so viele Kinder trotz materiell guter Bedingungen unglücklich? 

Susanne Oswald: Geld allein macht nicht glücklich, diese Weisheit gilt nicht nur für Erwachsene.

Helga König: Sollten Eltern den Ärzten mehr misstrauen, wenn es um das Wohl ihrer Kinder geht?

Susanne Oswald: Misstrauen ist grundsätzlich der falsche Ansatz, aber niemand sollte seinen Verstand an der Tür der Arztpraxis abgeben. Es ist immer wichtig, dass Patienten oder ihre Angehörigen mitdenken, denn ein Arzt sieht nur einen Teilbereich des Patienten und hat natürlich auch eine persönliche Meinung und Handhabung, die nicht immer mit der des Patienten übereinstimmen muss. 

Simone Langendörfer: Was denken und empfinden Sie, wenn Sie ein depressives, ein verträumtes oder ein extrem aufgedrehtes Kind erleben? 

Susanne Oswald: Jeder Mensch hat seine eigene Persönlichkeit, Kinder leben diese stärker aus, Erwachsene kontrollieren sich mehr, deshalb nimmt man diese Eigenschaften bei Kindern stärker wahr. Sollte ein Kind wirklich depressiv sein, braucht es Hilfe. Ansonsten ist es gut und gesund, wenn Kinder auch mal extrem sein dürfen und so ihren Charakter entwickeln. Was ich dabei empfinde, kommt auf die Situation und das Ausmaß an. Nicht in jeder Situation ist das Ausleben der Gefühle angenehm und angezeigt, da braucht es den Halt und die Leitung durch die Eltern, so kann das Kind soziale Kompetenz lernen. 

Helga König: Was könnten Eltern, Lehrer und die Politik tun, damit Kindern das Lernen wieder Freude bereitet? 

 Susanne Oswald
Susanne Oswald:  Den Leistungsdruck mindern, den Fokus mehr auf den Menschen legen und nicht so sehr auf die Note und vor allem die Wertigkeit eines Menschen nicht von einer Schulnote abhängig machen.

Simone Langendörfer: Gibt es in Deutschland eine "Armut an Liebe und Geborgenheit"? 

Susanne Oswald:  Es gibt eine Armut an gemeinsamen Unternehmungen, wir neigen dazu unsere Zeit, von der wir alle gleich viel haben, für vermeintlich wichtigere Dinge zu nutzen. Und es gibt den wirtschaftlichen Druck, der viele dazu zwingt, ihre Zeit mit Geld verdienen zu verbringen, Zeit, die eigentlich den Kindern gehören sollte. Andererseits habe ich oft gesehen und selbst erlebt, dass knappe Zeit eine höhere Wertigkeit bekommt, was die Knappheit dann wieder ausgleicht. Nein, ich glaube nicht, dass wir eine Armut an Liebe und Geborgenheit haben. 


Helga König: Warum sind gerade in Deutschland so viele Menschen unzufrieden und unglücklich?

Susanne Oswald:  Das kann ich tatsächlich nicht beantworten. Ich bin Deutsche, ich lebe in Deutschland, und ich bin glücklich und immer gerade so zufrieden – oder unzufrieden – dass ich nicht träge werde. Ich liebe das Leben und gebe diese Liebe über meine Bücher an die Leser weiter.

Liebe Susanne Oswald wir danken Ihnen herzlich für das Interview.

Ihre Simone Langendörfer, Ihre Helga König.


Helga König und Simone Langendörfer im Gespräch mit Florian Fock, Schulleiter der Hermann Lietz-Schule Spiekeroog

Lieber Florian Fock, Sie sind Schulleiter der Hermann Lietz-Schule Spiekeroog. 

Die Hermann-Lietz-Schule Spiekeroog ist ein staatlich anerkanntes Internatsgymnasium in freier Trägerschaft. Die ruhige Lage auf der Insel Spiekeroog und die kleinen Klassen mit durchschnittlich 15–18 Schülern schaffen,  wie man Ihrer Website entnehmen kann, ideale Lernbedingungen für die Schüler dort. 

Über die Schulgeschichte, den Schulalltag dieses Internats und anderes mehr können sich die Leser auf Ihrer Website ausgiebig informieren. 

Wir freuen uns, dass Sie an unserem Interviewprojekt "Wann ist eine Kindheit kindgerecht?" teilnehmen. 

Helga König: Werden Kinder  heute  extrem auf Leistung "gedrillt" und falls ja, wodurch entsteht dieser Leistungsdruck? 

 Florian Fock
Schulleiter 
der Hermann Lietz-Schule Spiekeroog
Florian Fock: Spätestens seit dem "PISA-Schock" hat sich der Glaube breit gemacht, man könne durch immer mehr Leistungstests Qualitätssicherung betreiben und die Kinder dadurch auf einen vermeintlich immer durchgreifenderen internationalen Wettbewerb vorbereiten. Dabei wurden Stimmen aus der Wirtschaft laut, die in manchen Bundesländern zur Verkürzung der Schulzeit geführt haben. In Niedersachsen wird diese Fehlentscheidung nun wieder rückgängig gemacht, nicht zuletzt auch weil die Wirtschaft mit unselbstständigen Abiturienten nichts anfangen kann. Schulische Bildung kann aber nicht nur dafür da sein, die teilweise widersprüchlich formulierten Ansprüche des Arbeitsmarktes zu erfüllen, sondern es muss auch Raum für Persönlichkeitsentwicklung und Werteerziehung geben. 

 Simone Langendörfer
Simone Langendörfer: Was heißt für Sie Kindsein und meinen Sie, dass "Kindsein" in der 2. Hälfte des letzten Jahrhunderts einfacher war?

Florian Fock: Kindsein heißt für mich, Zeit für scheinbar unsinnige Umwege zu haben, sich ausprobieren zu dürfen und spielerische Neugier ausleben zu dürfen. Die neuen Medien sind ein Segen für die Menschheit, aber es geht von ihnen auch ein ungeheurer Sog aus, der manchen Jugendlichen die Möglichkeit, Kind zu sein, nimmt. Hier lauern Gefahren, durch die kreative Kräfte frühzeitig gelähmt werden. 

Helga König: Was müsste sich in den Schulen ändern, um Kinder wirklich glücklich zu machen?

  Florian Fock
Schulleiter 
der Hermann Lietz-Schule Spiekeroog
Florian Fock: Ich leite eine Schule, in der Lehrer und Schüler zusammen auch leben und arbeiten. Dadurch entstehen viele Berührungspunkte außerhalb der von Schulbuchverlagen vorbereiteten Aufgaben. Schulen brauchen solche Freiräume, hier spielt sich kreatives und soziales Lernen ab, das nachhaltiger wirkt als nur kurz vor einer Klassenarbeit 20 Stichworte auswendig zu lernen. 

Simone Langendörfer: Welche Rolle spielen Eltern beim Thema "Doping für Kinder"? 

Florian Fock: Kann ich nichts zu sagen, verstehe ich nicht wie das gemeint sein soll.

 Helga König
Helga König: Weshalb sind so viele Kinder trotz materiell guter Bedingungen unglücklich? 

Florian Fock: Kinder brauchen für ihr Glücksgefühl nur scheinbar das neueste Smartphone. In Wirklichkeit brauchen sie Zeit, die Erwachsene für sie haben. Zeit ist das Kostbarste, und der berufliche Alltag lässt das leider oft nicht zu. Bei uns im Internat sind viele Erwachsene da, die sich fürsorglich den Kindern und Jugendlichen widmen. Und zuwendungsbedürftig sind alle, gerade in der Phase der Pubertät, in der manchmal zwischen Eltern und Jugendlichen Beziehungsabbrüche das Miteinander erschweren. 

Helga König: Sollten Eltern den Ärzten mehr misstrauen, wenn es um das Wohl ihrer Kinder geht? 

  Florian Fock
Schulleiter
der Hermann Lietz-Schule Spiekeroog
Florian Fock: Nein, auf keinen Fall. Es ist wichtig, einen Arzt des Vertrauens zu finden. Es gibt meistens aber nicht nur eine Diagnose einer Krankheit, und viele Wege der Behandlung, je nachdem welchem Weg man als Elternteil eher zugetan ist. Bei vorgeschlagenen Behandlungswegen müssen Eltern aktiv mitdenken, unausgesprochenes Misstrauen hilft aber nicht weiter. 

Simone Langendörfer
Simone Langendörfer: Was denken und empfinden Sie, wenn sie ein depressives, ein verträumtes oder ein extrem aufgedrehtes Kind erleben? 

Florian Fock: Mit der Frage kann ich nichts anfangen. Alle Kinder sind einzigartig und verschieden. Wenn eine Verhaltensweise nicht nur vorübergehend sondern eine Eigenschaft des Kindes ist, und ich beruflich mit dem Kind zu tun habe, versuche ich mit allen Beteiligten (Kollegen, Kind, Eltern) Wege zu finden, durch die das Kind gestärkt wird und sich in Lernsituationen zurecht finden kann.

 Helga König
Helga König: Was könnten Eltern, Lehrer und die Politik tun, damit Kindern das Lernen wieder Freude bereitet? 

Florian Fock: Sie könnten eine Vielfalt an Schulen und Lernformen zulassen, ohne mit ideologischen Scheuklappen, parteipolitischen Strategien oder gewerkschaftlich motivierten Besitzstandskämpfen bildungspolitische Diskussionen zu führen. Dabei muss das Wohl des Kindes im Vordergrund stehen, und nicht das Wohl einer Wiederwahl, oder das Wohl des unantastbaren Beamtentums. 

Simone Langendörfer: Gibt es in Deutschland eine "Armut an Liebe und Geborgenheit"? 

Florian Fock: Das sehe ich nicht so. Grundsätzlich sind wir eine Gesellschaft, in der man sich umeinander kümmert! 

Helga König: Warum sind gerade in Deutschland so viele Menschen unzufrieden und unglücklich? 

  Florian Fock
Schulleiter
der Hermann Lietz-Schule Spiekeroog
Florian Fock: Wir leben in einer Wohlstands- gesellschaft. Es gibt zwar auch in Deutschland materielle Armut, aber der letzte unmittelbare Krieg ist lange her und die gesellschaftliche Erinnerung verblasst. Den meisten Menschen geht es materiell gut, es gibt keine Naturkatastrophen, keine Krisenstaaten als Nachbarländer, und eine landesweit gut ausgebaute Infrastruktur. Wir sind perfekt organisiert, gut versichert, und Lebensmittel sind günstig. 

Bildung kann man kostenfrei mit guter Qualität bekommen. Im weltweiten Vergleich haben wir also optimale Lebensbedingungen. Es gibt viele Gründe, warum trotzdem Unzufriedenheit entsteht: Wer hat, will mehr und begehrt. 

Halt im Glauben kann man finden, die Bedeutung der Kirche nimmt aber ab. Der Leistungsdruck ist hoch und die Angst, als Verlierer auf der Strecke zu bleiben. Durch den Leistungsdruck bleibt keine Zeit für sinnstiftende Tätigkeiten (Musik, Sport, Ehrenamt usw.). 

Der familiäre Zusammenhalt ist nicht mehr so stark, zumal man heutzutage beruflich mobil sein muss und nicht mehr im Heimatdorf bleiben kann. Konflikte landen vor Gericht, statt sie auszuhandeln. 

Es gibt viele Wege, sich ein unglückliches Leben zu gestalten, obwohl man gute Lebensbedingungen hat. Eins ist sicher: Ich bin am Internatsgymnasium Hermann Lietz-Schule Spiekeroog äußerst glücklich! 

Lieber Florian Fock, wir danken Ihnen herzlich für das aufschlussreiche Interview. 

Ihre Helga König, Ihre Simone Langendörfer 
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www.lietz-spiekeroog.de 

Hermann Lietz-Schule Spiekeroog gGmbH 
Staatlich anerkanntes Gymnasium 
mit Internat in freier Trägerschaft 
Hellerpad 2 
26474 Spiekeroog 
fon +49 4976 9100-0 
• fax +49 4976 9100-91 
info@lietz-spiekeroog.de 
Amtsgericht Aurich HRB 1536 
• USt.-IdNr. DE 190 349 36 
 Leiter und Geschäftsführer: Florian Fock, OStD
Foto: Hermann Lietz-Schule Spiekeroog gGmbH 

Simone Langendörfer und Helga König im Gespräch mit Hans-Georg Nelles, Sozialwissenschaftler, Erwachsenenbildner als auch Organisationsberater

Lieber Hans-Georg Nelles, sie sind Sozialwissenschaftler, Erwachsenenbildner als auch Organisationsberater und begleiten seit mehr als 15 Jahren Unternehmen, Kommunen, Hochschulen und Organisationen darin, die Potenziale aktiver Vaterschaft zu nutzen. 

Dabei legen Sie den Fokus auf das Zusammenwirken von Väterlichkeit, Verantwortung und Führung, um die positiven Erfahrungen, die Männer in der Familie mit Kindern machen, in deren Arbeit zu integrieren. 

Sie engagieren sich ehrenamtlich in zahlreichen Initiativen und Vereinen, die Anliegen von Vätern und Männern thematisieren und vor Ort, aber auch in der Politik nachhaltige Angebote und Strukturen schaffen möchten. In Ihren Vorträgen bewegt Sie die Frage, wie eine Jungenpolitik aussehen kann, die keine Politik für Jungen, sondern eine mit ihnen gemeinsam gestaltete ist.

Verheiratet sind Sie  seit über 30 Jahren und Vater von drei erwachsenen Kindern.

Wir freuen uns, das Sie an unserem Interviewprojekt "Wann ist eine Kindheit kindgerecht" teilnehmen:

Simone Langendörfer: Werden Kinder heute extrem auf Leistung "gedrillt" und falls ja, wodurch entsteht dieser Leistungsdruck? 

Hans-Georg Nelles
Hans-Georg Nelles: Wir leben in einer Leistungsgesellschaft und das färbt auf Eltern und Kinder ab. Zusätzlicher Druck entsteht sicherlich durch sich auflösende Sicher- und Gewissheiten. Es kommt nicht mehr von alleine, dass es die Kinder besser haben werden als ihre Eltern. Aber Eltern möchten ihr Bestmöglichstes tun, damit es doch passiert. Von Drill kann aber dennoch keine Rede sein. 

Helga König: Was heißt für Sie Kindsein und meinen Sie, dass "Kindsein" in der 2. Hälfte des letzten Jahrhunderts einfacher war?

Hans-Georg Nelles:  Kindsein heißt, die Welt entdecken und Fragen stellen dürfen, Dinge tun von denen Erwachsene nichts (mehr) verstehen. Das war zu einer Zeit, in der nicht alles geregelt und durchgeplant war sicherlich einfacher als heute. In meiner Kindheit war Stubenarrest eine Strafe, heute ist es eher umgekehrt.

Simone Langendörfer
Simone Langendörfer:  Was müsste sich in den Schulen ändern, um Kinder wirklich glücklich zu machen? 

Hans-Georg Nelles: Wenn Schulen Kindern den Spaß am Entdecken und Lernen nicht austreiben und ihnen Gelegenheiten bieten würden ihren Wissensdrang selbsttätig abzuarbeiten, wären nicht nur viele Kinder und ihre Eltern glücklicher, sondern auch die Beschäftigten der bisherigen "Lernfabriken". 

Helga König: Welche Rolle spielen Eltern beim Thema "Doping für Kinder"? 

Hans-Georg Nelles: Wenn Kinder gedopt werden sind ihre Eltern entweder die Dealer oder sind selber Mitabhängige. Die Motive sind zwar meist noch am Rande des Redlichen, die Wirkungen des Tablettenkonsums aber kaum.

Simone Langendörfer:. Weshalb sind so viele Kinder trotz materiell guter Bedingungen unglücklich? 

 Hans georg
Hans-Georg Nelles: Weil Mann und Frau Glück nicht kaufen kann. Es hat vielmehr mit Zufriedenheit und gerade für Kinder mit schönen Erlebnissen mit dem Vater und/oder der Mutter zu tun. 

Helga König: Sollten Eltern den Ärzten mehr misstrauen, wenn es um das Wohl ihrer Kinder geht? 

Hans-Georg Nelles: Ich gehe mal davon aus, dass ich mit oder ohne Kinder zu dem Arzt bzw. der Ärztin gehe, der ich vertraue. Und Nein sagen hilft manchmal auch weiter. 

Simone Langendörfer:  Was denken und empfinden Sie, wenn sie ein depressives, ein verträumtes oder ein extrem aufgedrehtes Kind erleben? 

Hans-Georg Nelles: Das sind doch alles Zuschreibungen, die ich in meinem Kopf produziere oder die Andere dem Kind schon an die Stirn geheftet haben. Kinder können extrem traurig sein und im nächsten Moment wieder aufdrehen. Das ist die ganz normale Gefühlsskala. 

Helga König
Helga König: Was könnten Eltern, Lehrer und die Politik tun, damit Kindern das Lernen wieder Freude bereitet? 

Hans-Georg Nelles: Ihnen die Freude nicht nehmen, z.B. mit dem Gerede vom Ernst des Lebens und der Geschichte vom Hänschen … 

Simone Langendörfer:  Gibt es in Deutschland eine „Armut an Liebe und Geborgenheit“? 

Hans-Georg Nelles: Das würde ich so nicht sagen, es gibt einen zunehmenden Mangel an Zufriedenheit und eine wachsende Problemsicht. Insbesondere Familie, Kinder werden mit Problemen in Verbindung gebracht. Das wirkt sich natürlich negativ auf‚ Liebe und Geborgenheit‘ aus 

Helga König: Warum sind gerade in Deutschland so viele Menschen unzufrieden und unglücklich? 

 Hans-Georg Nelles
Hans-Georg Nelles: Das hängt vielleicht damit zusammen, das Zufriedenheit und Glück mit materiellen Zielen und Werten in Verbindung gebracht und die Freude über schöne Momente und das was wirklich wichtig ist im Leben, gelingende Beziehungen und gemeinsame Erfahrungen …, dabei verloren gehen.

Lieber  Hans-Georg Nelles, wir danken Ihnen für das aufschlussreiche Interview.

Ihre Simone Langendörfer, Ihre Helga König